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Wirtschaft & Weiterbildung Training und Personalentwicklung im Unternehmen

01.11.2005

Wirtschaft & Weiterbildung Training und Personalentwicklung im Unternehmen

SELBSTDARSTELLUNG. Wie war ich? Die Vermarktung der eigenen Person hat sich von einer Randerscheinung zum Superstar des öffentlichen Lebens gemausert. Allerdings: Wenn Image wichtiger wird als Inhalt, leidet die Glaubwürdigkeit. Das demonstrierten Angela Merkel und Gerhard Schröder Millionen Fernsehzuschauern am Wahlabend in der Berliner Runde. Nicht nur deshalb war ihr Auftritt lehrreich.

Sie kamen als Verlierer, aber verkauften das Wahlergebnis als Sieg. Schröder bleckte die Zähne, so oft er nur konnte, lächelte herablassend auf seine Rivalin hernieder, immer noch wie der Almosen verteilende Patriarch, den er im Wahlkampf gab. Merkel lächelte tapfer, aber bleich und matt dagegen zumindest dann, wenn sie in die Kameras sprach, zum Publikum, dem Adressaten der Inszenierung. Ihm und wohl auch sich selbst glaubte sie diesen Kraftakt schuldig zu sein. Denn eine zukünftige Kanzlerin zeigt keine Enttäuschung. Das würde ihr als Schwäche ausgelegt. Keine Staatsfrau will sich diese Blöße geben.
Dass ihre inneren Turbulenzen sich schließlich doch Bahn brachen, teilten die Kameras in den Redepausen der Kandidatin mit, als sie das Gesicht mit den traurigen Augen und den heruntergezogenen Mundwinkeln in die Wohnzimmer der Republik schickten. Merkel sah in diesen Momenten aus, als wolle sie einen Satz wahr machen, den sie 1998 der Journalistin Herlinde Koelbl für deren Recherche zu dem Bildband »Spuren der Macht« gesagt hatte: »Ich bin ein bisschen menschenscheu geworden. Manchmal gehe ich nach Hause, weil ich nicht will, dass wieder alle gucken.«

Verräterisches Innenleben

Gerhard Schröder hätte man an diesem Abend alles zugetraut, außer dem Wunsch nach einem gemütlichen Abend in Hannover. Er trat als Triumphator auf, redete das Wahlergebnis schön. Dabei hatte seine Partei lediglich weniger Stimmen verloren als erwartet. Manch einer unterstellte gar Drogenkonsum ob der Schröderschen Jubelposen. Allerdings: Sieger sehen anders aus, daran ändert auch zur Schau gestellter Optimismus nichts und sei er noch so offensiv herausgelächelt. Schröder verhedderte sich in seinen überbordenden Emotionen, die ihn übers Ziel hinausschießen ließen, Merkel verfiel in eine Demutshaltung, in die sie ihre Enttäuschung über das Abstimmungsergebnis getrieben hatte. Ihr Innenleben hatte die beiden Wahlkämpfer verraten. Sie zeigten Verhaltensweisen, die in derartigen Extremsituationen nicht untypisch sind, wie Personality Coach Werner Katzengruber erläutert: »Unter Stress zieht sich das Gehirn darauf zurück, das zu tun, was es immer macht, nur mit doppeltem Aufwand.« Es sei ein Manko in Gerhard Schröders Persönlichkeitsprofil, schnell überzogen und arrogant zu wirken. In diese Falle sei er in der Berliner Runde hineingetappt, als die Energie schwand, um das Bild vom gelassenen Staatsmann aufrechtzuerhalten. »In solchen Situationen zeigt man sich eher wie man wirklich ist«, sagt Katzengruber.

Nach Einschätzung des Rhetorik Trainers Günter Zienterra aus Bonn hat die CDU Chefin ebenfalls die Vergangenheit eingeholt: »Angela Merkel ist in ein Verhalten aus alten Zeiten zurückgefallen«, analysiert Zientierra den Auftritt der Wahlkämpferin, die wie ein verschrecktes Reh daherkam. »Aber man kann sich auf solche Ausnahmesituationen vorbereiten. Denn Erfolg haben, heißt Erfolg vorbereiten«, weiß Zienterra. Merkel hat es möglicherweise trotz Unterstützung durch ihren Coach, den ehemaligen ZDF Moderator Alexander Niemetz, nicht getan, weil sie sich ihres Triumphes zu sicher war. Rhetorik Trainer Zienterra hätte ihr jedenfalls geraten, sich mit Freunden Strategien für den Ernstfall zu überlegen. »Man ist dann über die Reaktionen der Gegenseite weniger überrascht und kann deren Argumente entkräften oder bagatellisieren.«

Weniger ist mehr

Katzengruber geht als Coach in der Katastrophen Prophylaxe einen Schritt weiter. Er hält es im Rahmen eines Coachings für möglich, Menschen darauf vorzubereiten, dass sie sich auch in Extremsituationen ihrer Rolle entsprechend verhalten. Da gehe es nicht nur tun Sprache, Mimik und Gestik, sondern um Einstellungen und Verhalten. Der ausgebildete Kommunikationspsychologe will beides durch Kameratrainings beeinflussen, indem er unangenehme Fragen stellt und so Stresssituationen künstlich erzeugt.

Ob die beiden Medienprofis tatsächlich an Glaubwürdigkeit gewonnen hätten, wenn die Maske der eitlen Selbstgefälligkeit nicht gefallen wäre? Oder vielleicht nur etwas später? Vermutlich wäre jedoch schon wesentlich weniger Aufwand nötig gewesen, um das Gesicht zu wahren. »In der Berliner Runde schien es, als hätten sich beide eine Lächelklammer eingezogen, die Lippen gingen immer nach oben«, hat Katzengruber beobachtet. »Das kam bei mir nicht authentisch an.« Der Coach zeigt zwar Verständnis für die Reaktion der Kandidaten, weil Verlierer immer lächelten, um sich als Sieger darzustellen. Er gibt jedoch zu bedenken: »Es ist eine Frage der Kongruenz: Passt das, was ich sage, zu dem, was mein Körper mitspricht. Insofern hätte ich mir gewünscht, dass beide ihr Lächeln etwas zurückgefahren und mehr Ernsthaftigkeit und Betroffenheit gezeigt hätten.«
In die gleiche Kerbe schlägt Zienterra: »Es muss nicht um jeden Preis ein Lächeln sein. Ich kann jemanden auch ohne zu lächeln aufmunternd ansehen und dadurch Wirkung erzielen.« Um diese These unter Beweis zu stellen, rät er, beim Telefonieren einmal in den Spiegel zu sehen. Man könne dabei oft erkennen, dass man eine ernste Miene habe, ohne schlecht drauf zu sein. Bei Menschen mit einer optimistischen Ausstrahlung schwinge das Positive in der gesamten Haltung mit, sagt Zienterra. Es zeige sich in den Bewegungen und drücke sich in der Mimik aus. »Bei einem öffentlichen Auftritt kann so viel nicht schief gehen, wenn man mit Mut und Schwung an die Sache herangeht«, glaubt Zienterra.
Sein Statement ist einerseits eine Ode an die Natürlichkeit. Wer sie bewahrt, schafft es, dem viel beschworenen Anspruch der Authentizität zu entsprechen. Diesen Eindruck will Zienterra vermitteln. Andererseits ist es ein Apell an die Stillen und Introvertierten, aus ihrem Schneckenhäuschen herauszukommen. »Wenn diese Menschen das Idealistische oder Reformerische in sich entdecken, können sie extrovertierten Sonnyboys in der Selbstpräsentation durchaus überlegen sein«, weiß Zienterra. »Die Wirkung eines Menschen hängt nämlich davon ab, wie er andere wahrnimmt, wie er auf sie ein und ihnen auch unter die Haut geht.« Denn Kommunikation sei nicht nur der Austausch von Worten, sondern auch der Aufbau von Beziehungen.
»Worte bleiben dagegen lediglich Schall und Rauch, wenn man nur die Verpackung betrachtet und nicht über den Inhalt nachdenkt. Deshalb kann auch der Propagandist im Diskurs den Kürzeren ziehen«, sagt Zienterra und überträgt seine These auf die beiden Wahlkämpfer. Nach seiner Einschätzung war Schröder seiner Kontrahentin am Anfang der Elefanten Runde zwar überlegen. Solch ein Vorsprung nütze jedoch nichts, wenn danach nichts mehr komme.

»Jetzt moderieren Sie mal!«

Vermutlich wären die meisten Teilnehmer eines Rhetorik Seminars dennoch froh, über Schrödersche Rednerqualitäten zu verfügen, weil sie grundsätzlich die Öffentlichkeit meiden aus Sorge vor einem Blackout, der sie der Lächerlichkeit preisgibt. Zienterra kennt eine Menge dieser Menschen aus der täglichen Trainingsarbeit. Und auch ihre Ängste: »Stellen Sie sich einen Bankangestellten vor, der sein Leben lang in vertraulichen Vier Augengesprächen Bausparverträge verkauft hat. Und plötzlich trägt man ihm auf: Jetzt moderieren Sie doch mal die Präsentation eines Geschäftsberichtes vor 350 Gästen an! Dieser Mensch wird vor Schreck zusammenbrechen«, gibt Zienterra Einblicke in die Gefühlswelt von Menschen, die sich trotz Merkelscher und Schröderscher Schwächeperioden in der Selbstpräsentation Lichtjahre entfernt von deren Rhetorik Welten befinden.
Für sie hält Zienterra einen plastischen Vergleich bereit: »Rhetorik lernt man wie schwimmen im Wasser, und zwar durch Übung.« Sein ebenso einfacher wie schwierig zu befolgender Rat für Schüchterne lautet daher: Gelegenheiten suchen, in größerer Runde das Wort zu ergreifen. Denn kleine Übungen ersetzen die Erfahrung einer Blamage im Ernstfall. Bei Geburtstagen und ähnlichen Anlässen solle man deshalb nicht anderen die Initiative überlassen, sondern selbst eine kleine Ansprache halten, lautet seine Empfehlung.

Derlei Übungen werden Merkel und Schröder nicht benötigen, Nachhilfe in anderen Angelegenheiten schon, wie Zienterra findet. Beide haben vor laufenden Kameras Schwächen gezeigt und insofern Anschauungsunterricht gegeben. Von ihnen zu lernen bedeutete am Wahlabend, ihre Fehler nicht zu wiederholen. Von der neuen Kanzlerin können Führungskräfte laut Zienterra mitnehmen, sich gegen eine Rechtfertigungsrolle zu wehren: »Merkei hat sich von Schröder vor seinen Karren spannen lassen. Sie hat sich zu Erklärungen hinreißen lassen, statt mit Gegenvorschlägen zu antworten«, erläutert der Trainer. Das sei menschlich zwar verständlich gewesen, auf Grund von Mitleid könne man jedoch keine Sympathien gewinnen. Führungskräfte sollten daher in ihrem Verhalten dokumentieren, dass sie Entscheidungen treffen und dazu stehen. Das beginne bereits beim Zuspätkommen zu einer Konferenz. Falsch sei es, beim Eintreffen sofort eine Entschuldigung parat zu haben. Souveräner wirke vielmehr der folgende Satz: »Machen Sie ruhig weiter, meine Damen und Herren, ich werde sicher noch informiert werden.«

Bevormundung vermeiden

Gerhard Schröder ist nach Zienterras Einschätzung zu monologisch gewesen. Daraus folge nicht selten das Gefühl der Bevormundung. Sein Tipp an den Exkanzler: » Er sollte diplomatischer werden, mehr Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl beweisen. Was auf die Ebene der Führungskräfte übertragen bedeute, Mitarbeiter einzubeziehen und sie nach ihrer Meinung zu fragen. Auf diese Weise könne man das Gefühl der Bevormundung vermeiden, so Zienterra.
Darüber hinaus hatten die beiden seiner Ansicht nach wenig rhetorisch Nachahmenswertes zu bieten. Als Vorbild fallen Zienterra ohnehin nur wenige Politiker ein. In der Rückschau erinnert er sich zuerst an Helmut Schmidt, der auf einer Bertelsmann Mitarbeitersitzung mit den Worten » Meine sehr verehrten Damen, meine Herren, liebe Parteifreunde, geschätzte politische Gegner« sämtliche Zuhörer auf Anhieb einkassiert habe. Sein Auftritt hätte der Berliner Runde vermutlich gut getan.

Frank Henkhus



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