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TIP Berlin 02/2004

10.02.2004

TIP Berlin 02/2004

Viel-Schnacken


Ob Manager oder arbeitslos – sprachliche Qualifikationen sind gefragt wie noch nie.
Entsprechend variieren die Rhetorik-Seminare

Die Managerin hat Schweißperlen auf der Stirn. „Heute kann ich bestimmt nicht schlafen!" Dabei steht morgen keine Präsentation beim Kunden an, sondern eine kurze Rede im Rhetorik Seminar. Günter Zienterra, Leiter des Instituts für Rhetorik und Kommunikation, schickt die Kursteilnehmer mit einer Handbewegung zur Tür. Der erste Seminarabend ist zu Ende. Halbvolle Weinflaschen, Obst und angeknabberte Süßigkeiten bedecken den Tisch. Sechs Führungskräfte kokettieren mit ihrer Redeangst. Einer bockt: „Ich weiß gar nicht, was ich hier soll, mein Betrieb hat mich zum Kurs geschickt." Spiele, Sprechübungen und große Gesten empfindet mancher zu Anfang als peinlich. „Das wird schon", sagt Günter Zienterra milde lächelnd. Er hat über 35 Jahre Lehrerfahrung und weiß: Bis deutsche Entscheidungsträger auftauen, das dauert …

Private Rhetorik Institute, Einzelanbieter und Clubs haben auch in der Krise der Fortbildungsinstitute weiterhin Zulauf. Menschen haben Angst um den Job und hoffen: Mit besserer mündlicher Kommunikation bleibe ich auf dem Markt. Die freiberufliche Kommunikationstrainerin Annette Weber Diehl sieht auch andere Motive als bloßes Funktionieren wollen. „Viele möchten sich einmal anders erleben, Dinge tun, die sie sonst nicht tun." Auf das Rednerpult springen, einmal raumgreifend gestikulieren, dramatisch deklamieren ... Es gibt viele Mittel und Wege zur Redekunst.

Zum Beispiel das Ping. Die junge Frau an der Glocke hat zugeschlagen. Doch die Präsidentin der Berliner Meisterredner begrüßt Mitglieder und Gäste seelenruhig weiter ... Ping! War da wieder das böse „Äh"? Füllwörter sind verpönt – überall auf der Welt haut beim RedeClub Toastmasters ein eigens eingesetzter Äh Zähler auf die Glocke, wann immer ein Redner, äh, patzt. Bei den amerikanisch verwurzelten Toastmasters arbeitet man hart, aber herzlich an den kommunikativen Fähigkeiten der Mitglieder. Auch im Toastmasters Club der deutschsprachigen Berliner Meisterredner sind die Sitzungen straff organisiert: Die Zeit für Reden und deren Vor und Nachbereitung wird akribisch gemessen. Reihum übernehmen Mitglieder Ämter wie Zeit nehmen, Aufmerksamkeit testen, Moderation und Stilbewertung. Besonders auffallend:
das demonstrative gegenseitige Wohlwollen. Nach jeder Rede gibt es ein Feedback, in dem auch Anfänger erfahren: Ich habe Stärken, und meine Schwächen im Auftritt kriege ich in den Griff ... Wer sich ins strenge Toastmasters Reglement fügen möchte, kann eine

Gegner irritieren, punktgenau
verbal angreifen und fies bluffen –
fast alles ist erlaubt

solide rhetorische Ausbildung erhalten. Und dann: Redewettbewerbe, Clubämter, offenes „Networking" auch nach der Sitzung in der Kneipe. Man muss schon gesellig sein wollen.
Manche privaten Institute arbeiten mit Schocktaktiken und Konfrontation Motto:
Führungskräfte müssen einstecken und austeilen können. Gegner irritieren, punktgenau verbal angreifen und fies bluffen fast alles ist erlaubt. RatgeberBestseller heißen heutzutage „Schlagfertig!" oder „Schwarze Rhetorik". Doch nicht jeder will dauernd sprachlich um sich schlagen. Bei der Suche nach dem passenden Rhetorikkurs empfiehlt Gabriele Zienterra, Ko Chefin des Instituts für Rhetorik und Kommunikation, die persönlichen Bedürfnisse
gegenüber den Anbietern klar zu formulieren: „Was will ich? Wie soll die Gruppe zusammengesetzt sein? Will ich etwas an mir verändern?" Man sollte sich auch über Referenzen sowie Ausbildung und Lehrerfahrung der Trainer informieren. Die Kommunikationstrainerin Annette Weber Diehl rät, Sympathie oder Antipathie ernst zu nehmen der Stil muss einem liegen. „Fragen Sie sich: Ist dieser Dozent für mich ein rhetorisches Vorbild?“



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