Zienterra Institut für Rhetorik und Kommunikation

Rhetorik Seminare für Gespräche, Präsentationen und Verhandlungen.

Wie wir durch persönliche Beziehungen lernen und uns weiterentwickeln

„Eine Beziehung ist die größte Chance, sich zu verändern“.
Wer allerdings das Gefühl hat, nur durch andere wertvoll zu sein,hat ein großes Problem.


Wie komme ich dahin,  ein unabhängiges ICH zu entwickeln?

Die Basis wird schon in den ersten Lebensjahren gelegt. Wenn da Menschen sind, die für mich da sind,  werde ich später wahrscheinlich eine positive Vorstellung  von mir selbst haben.  In einer Beziehung, in der Chaos  herrscht,  kann ich keine sichere Bindung mehr entwickeln.
Diese Bindungsmuster sind die Muster, nach denen wir später Beziehungen aufnehmen.  Generall hat jeder, der sehr unsicher ist, Angst etwas zu verändern. Er bleibt lieber in seinem Leid sitzen.

Ist die Persönlichkeitsbildung irgendwann abgeschlossen?

Meistens, wenn wir ins Erwachsenwerden eintreten, wissen wir irgendwann, wer wir selber sind und was uns ausmacht. Das heißt aber nicht, dass wir uns nicht verändern und weiterentwickeln können. Es wäre furchtbar, wenn ich jetzt sagen würde, „so bin ich und so bleibe ich die nächsten 20 Jahre!“
Ich bin mir sicher, dass wir noch bis zum letzten Atemzug lernen können.


Inwieweit lernen wir über Begegnungen wer wir sind?

Der Philosoph Martin Buber hat einmal gesagt:„Wir werden nur am DU zum ICH.“ Damit ist gemeint: Wir brauchen den anderen, um uns selbst zu finden. Das Kind zum Beispiel, muss sich in anderen spiegeln, damit es überhaupt versteht, wer es ist. Spiegeln heißt: Ich reagiere auf Dich!
Wir brauchen immer diese Orientierung von Außen, zum Beispiel ob man ein netter Mensch ist. Das erfahre ich nur durch Reaktionen der anderen. Wir verändern uns in Beziehungen, sie formen, wer wir sind.
Also spiegele ich Sie jetzt gerade? Ja, genau. Und umgekehrt. Das ist natürlich auch der Grund, warum Zweierbeziehungen so beängstigend sind. Plötzlich bekommen wir etwas gesagt und denken: „Wie kommt der jetzt darauf?“
Das passt doch gar nicht in unser Selbstbild! Also müssen wir anfangen, unser Bild zu korrigieren.

Das heißt, wir verändern uns am einfachsten in einer Begegnung- bzw. in einer Partnerschaft in der Gemeinschaft?

Nicht unbedingt. Auch Freundschaften, Geschwisterbeziehungen, das Verhältnis zum Chef, Lehrer oder Trainer verändern uns.Durch all diese Menschen entwickeln wir uns weiter. Ich habe zum Beispiel neun Jahre in einem Kaufhauskonzern gearbeitet. Das war für mich eine Zeit der absoluten Wandlung, weil die Auseinandersetzung mit den Kollegen und Kindern so intensiv war, wie es in mancher Partnerschaft nicht ist.

Liegt es am Spiegeln, dass Paare sich im Laufe der Zeit immer ähnlicher werden?

Ein Partner gibt einem ganz neue Impulse. Ich erfahre Dinge, die ich vielleicht vorher gar nicht gewusst habe.
Auf einmal spielt der andere mir vielleicht ein Lied vor, das ich schön finde oder zeigt mir einen neuen Sport. Besonders Menschen, die sehr unsicher sind, orientieren sich stark an dem, was der Partner macht. Darin liegt allerdings eine Gefahr, wenn man seine eigenen Interessen hintenanstellt und nur tut, was der Partner, Kollege oder Chef mag, weil man denkt, dass ihn das glücklich macht.

Warum verändere ich mich in der Beziehung am meisten?

Besonders stark am Anfang, weil man schaut, was zusammenpasst und was nicht. Aber auch im Laufe der Zeit verändert man sich. Je offener das Gespräch ist, um so größer die Bereitschaft, sich auch wirklich mit den anderen auseinanderzusetzen, desto einfacher ist es.
Dieser Prozess hört nie auf.
Manche Menschen können sich ein Leben ohne die persönliche Beziehung nicht vorstellen. Wenn ich das Gefühl habe, ich bin nur durch andere wertvoll, habe ich wirklich ein großes Problem. Dann bin ich nichts, wenn dieser Mensch plötzlich geht und mich allein lässt. Das passiert besonders häufig in Beziehungen, die glauben, dass sich ihr persönlicher Wert durch den anderen steigt.

Wie kann man verhindern, dass die Grenzen zwischen dem ICH und dem DU verschwimmen?

In dem man immer wieder auch auf Abstand geht. Wenn man das nicht tut, führt man irgendwann eine symbiotische Beziehung. Das Paar ist dann wie dieser Kaffee hier: Es ist kein schwarzer Kaffee mehr und es ist keine Milch mehr, und die Milch weiß nicht,  wo sie aufhört und der Kaffee anfängt und der Kaffee weiß das auch nicht, dann wird es schwierig.
Man sollte also zwischendurch zur Kontrolle die Frage stellen: „Weiß ich noch, wer ich ohne den anderen bin?“
Ja, das ist eine Möglichkeit. Es ist wichtig sich zu fragen: „Wo ist meine eigene Kraft, wo ist meine Grenze, wo ist mein Leben?“
Das ist natürlich schwer, das ist die hohe Kunst, weil man sich gleichzeitig auf den anderen verlassen möchte.

Was ist das in anderen Beziehungen, zum Beispiel beim Trainer oder Lehrer? Wie verhindert man, dass man von ihm abhängig  wird?

Für eine gewisse Zeit ist es völlig in Ordnung, von jemanden abhängig zu sein. Es ist ja wirklich so: Lehrer, Trainer und Therapeuten können etwas, das wir nicht können. Und wir sind abhängig von deren Einschätzung. Aber dem Mentor muss bewusst sein, dass das Schüler-Lehrer-Verhältnis sich irgendwann überholen wird.
Der Schüler muss sich irgendwann lösen, in dem er sagt: „Danke für alles, aber jetzt gehe ich meinen Weg!“


Was passiert mit dem Bild, das man von sich selbst hat, wenn man sich trennt?

Viele Menschen verarbeiten eine Trennung auf Kosten ihres Selbstwertes, weil sie sagen: „Ich bin schuld, hätte ich alles richtig gemacht, wäre die Beziehung nicht zerbrochen.“ Das ist natürlich Unsinn.
Hinzu kommt, dass alles, was wir mit dem anderen geteilt haben, plötzlich weg fällt. Ich muss mir neue Freunde und neue Hobbies suchen, mich neu sortieren. All dies kann dazu führen, dass ich den Boden unter den Füßen verliere. Das Bild, das ich von mir selbst hatte, ist plötzlich nicht mehr da.
Und dann?
Dann muss ich wieder mehr Verantwortung für mich übernehmen. Am schlimmsten ist das natürlich für  Menschen, die es gewohnt waren, das der andere immer alles macht. Man sollte sich neue Räume suchen.
Sich zum Beispiel wortwörtlich nach einer neuen Wohnung umsehen oder die alte renovieren. Und sich klar machen: Was habe ich alles hinten angestellt für die Beziehung. Es ist trotz allem eine schöne Erfahrung, wenn man merkt, dass man nach vielen Jahren in einer Partnerschaft wieder allein klar kommen kann.

Wie lange dauert es, sich neu zu finden?

Das ist bei jedem unterschiedlich.  Ich halte viel davon, sich ein Jahr Zeit zu geben. In diesem einen Jahr bekomme ich Abstand, ich merke, was ich alles idealisiert habe. Der Schmerz kann natürlich noch da sein, und trotzdem verändert dieses Jahr etwas: Es kann etwas Neues entstehen.

Was können wir aus einer gescheiterten Beziehung lernen?

Je klarer die Aussage des Partners ist, woran es gescheitert ist, desto mehr lernen wir.  Wenn man sich  zusammensetzen kann und jeder sagt, warum es nicht funktioniert hat, ist es perfekt herauszufinden, wie ich es schaffe und nicht immer in die gleichen Muster zu verfallen, das ist die große Chance für ein Gelingen!

 

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Tags: beziehungen, partnerschaft, persönliche entwicklung, persönlichkeit

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